Im Exil

Noch vor einigen Monaten hätte ich mir nicht auszumalen vermocht, wie es sich anfühlen möge, ein Exilant zu sein. Doch manchmal geht alles ganz schnell. Einen Koffer voller Badehosen, für einen Exilanten eher ungewöhnlich, hatte ich dabei. Sonst nicht viel. Die Hoffnung, bald in das Land zurückzukehren, welches ich mittlerweile als meine Heimat bezeichnete. Vorfreude auf einen schönen Urlaub mit meiner Familie, den Grund für vorgenannten Koffer.

رسول‎

Hat jemand den oben genannten Titel verstanden? Nein? Damit befinden Sie sich wahrscheinlich auf einer Erkenntnisstufe mit einer Vielzahl der Buerger dieser Erde. Nichtsdestotrotz hat der pakistanische Premierminister (nicht Islamist) soeben einen staatlichen Erlass, man koennte auch sagen Gesetzentwurf abgesegnet, in der die Uebersetzung islamischer Namen ins Englische, und wahrscheinlich auch in jede andere Sprache, verboten wird.

Es ist fortan somithin verboten, Allah als Gott zu bezeichnen, das Gebetshaus der Muslime als Moschee zu umschreiben, vielmehr waere hier der arabische Begriff „Masjid“ die angemessene Wahl, der Prophet ist fortan nicht mehr der Prophet, sondern Rasul, (bzw. Rasool), das Gebet wird zum Salat. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen, aber dies sind vier Begriffe, die im Alltagsleben eines Pakistaners eine grosse Rolle spielen. Ist eine Regelung bei Gott und Allah in gewisser Weise noch nachvollziehbar, besteht doch eine Verwechslungsgefahr zwischen dem christlichen und dem muslimischen Gott (wo ist eigentlich der Unterschied?), stellt sich bei anderen Begrifflichkeiten die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Regelung, die mehrheitlich von religioesen Fuehrern fuer gut befunden wurde. Das Land hat ja nicht genug Probleme.

Nun kommt auch noch die Gefahr hinzu, dass in einem englischsprachigen Artikel fortan die Verwechslungsgefahr zwischen dem Gebet und einem vegetarischen Gericht besteht, saemtliche Woerterbuecher neu gedruckt werden muessen, und man sich auf eine einheitliche englischsprachige Umschreibung fuer den Propheten einigen muss, was sicherlich zu Entzuecken bei den lustigerweise weltweit immer noch mehrheitlich als Orientalisten bezeichneten Wissenschaftlern fuehren wird. Ist es nun Rasul oder Rasool, Ra’sul oder Ra’sool, sollte man ggf. noch einige phonetische Schriftzeichen mit hineinpacken, wie bspw. Rasūl? Den gemeinen Buerger wird es wohl nicht stoeren, was aber, wenn es tatsaechlich einmal eine „Rechtschreibpolizei“ geben sollte, die eine Implementierung dieses Gesetzes vorantreibt?

Schlimm auch, dass Herr Sharif fuer solche eher nachrangigen Gesetzentwuerfe augenscheinlich die erforderliche Zeit aufbringt, andere Gesetzentwuerfe und Komitees allerdings seit Jahren darben. Sicherlich der Tatsache verschuldet, dass man einige Freunde wieder besser stimmen moechte nach einer in den letzten Monaten zu beobachtenden Entfremdung, damit aber Tuer und Tor oeffnend fuer eine gesellschaftspolitische Stroemung, die soeben mit militaerischer Gewalt an anderer Stelle bekaempft wird.

Weihnachten in Islamabad

DSC_4944Es weihnachtet sehr.

Ich bin völlig erstaunt, als ich am 20. Dezember mein Online-Radio einschalte, auf SWR3 gehe, und dort die altbekannten und vermeintlich immergrünen Weihnachtshits gespielt werden. „Warum?“, frage ich mich. Weihnachten ist völlig an mir vorbeigezogen. Gut, klar, es gab einen Weihnachtsbasar, organisiert von der Deutschen Botschaft. Gut, klar, kaum ein Gora befindet sich derzeit noch in Islamabad, sie alle sind in ihre jeweiligen Heimatländer zurückgeflogen, um Weihnachten mit ihren Familien zu verbringen. Gut, klar, Weihnachten steht in meinem Kalender, und ist sogar in Pakistan ein offizieller Feiertag. Wobei der erste Weihnachtstag nicht so sehr weihnachtet, sondern vielmehr dem Staatsgründer Muhammad Ali Jinnah gewidmet ist, der am ersten Weihnachtstag geboren wurde.

Sicherlich gibt es zahlreiche Indizien, die darauf hinweisen, dass Weihnachten vor der Tür steht, nicht zuletzt natürlich auch die Telefonate mit der Heimat und die Tatsache, dass sich kaum noch jemand im Büro aufhält, und die Kommunikation mit Deutschland zunehmends schwieriger wird. Aber das „Feeling“ fehlt.

Trotz Winters sind alle Laubbäume hier noch grün. Trotz Winters bewegen sich die Temperaturen tagsüber im zweistelligen Bereich. Trotz Winters hat es in Islamabad wieder einmal seit über sechs Wochen nicht geregnet. Es ist kalt in den Wohnungen, die auf heiße Sommer, und weniger auf kalte Winter ausgelegt sind. Es ist kälter als in Deutschland, viele Menschen bevorzugen die Arbeit außerhalb des Hauses, weil es dort tatsächlich wärmer ist, und man im Angesicht steigender, um nicht zu sagen explodierender Rohstoffpreise eine durchgehende Beheizung der eigenen Wohnung finanziell schlichtweg nicht gewährleisten kann. Und selbst die die können, sehen sich vor ein weiteres enormes Problem gestellt. Load-shedding.

Vor einigen Wochen wurde in Islamabad der Gashahn für Autos zugedreht, um den Druck auf den Gasleitungen für den häuslichen Gebrauch steigern zu können. Gas ist in Pakistan von enormer Wichtigkeit. Es wird zum Kochen genutzt, es wird zum Heizen genutzt, in jedem Zimmer steht eine kleine Gasheizung von Rinnai, Gas wird eigentlich auch zum Autofahren genutzt, da es günstiger und umweltschonender ist. Gas, welches es in ausreichender Menge nicht gibt. Zwischen 8 und 14 Uhr ist der Druck auf den Leitungen so gering, dass die Menschen – sogar in Islamabad – kein warmes Frühstück zu sich nehmen können, keinen Tee. Was für Erwachsene ein tragbares Übel sein mag, ist für Kinder ggf. gefährlich. Wie soll sich ein Kind in der Schule konzentrieren, wenn es nichts zu frühstücken bekommen hat, wie soll es sich in einer Schule konzentrieren, die nicht geheizt werden kann während der üblichen Schulstunden?

Dazu kommt das Load-shedding im Elektrizitätssektor. Mittlerweile kann man seine Uhr wieder danach stellen, wann der Strom ab- und wieder angeschaltet wird. Selbst jene, die im vorherigen Absatz argumentiert haben mögen, man könne sich ja einen elektrischen Wasserkocher anschaffen, sind spätestens hier widerlegt. Ins Restaurant gehen? Selbst wenn das nötige Kleingeld hierfür vorhanden ist: Die Restaurants haben ebenso mit Load-shedding zu kämpfen. Mehlpreise, Tomatenpreise, Zwiebelpreise und Reispreise sind explodiert, die Inflation befindet sich wieder einmal auf einem Höhepunkt. Vielleicht wird ja alles besser im nächsten Jahr, in 2014, insh’allah.

Code Pink

Gestern haben sich in Islamabad einige tausend Menschen auf den Weg gemacht, um in Südwasiristan – also der Gegend, wegen derer Pakistan teilweise den Ruf erlangt hat, das gefährlichste Land der Welt zu sein – gegen Drohnen, die in dieser Gegend von den Vereinigten Staaten eingesetzt werden, zu protestieren. Die Drohnen dienen vornehmlich der Bekämpfung terroristisch gesinnter Splittergruppen der pakistanischen Taliban, der Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP), die dort ihr Rückzugsgebiet haben. Es ist seitens der pakistanischen Regierung sowohl für pakistanische Staatsbürger, und erst recht für Ausländer verboten, dorthin zu reisen. Erstens, damit niemand sehen kann, was dort tatsächlich passiert, zweitens, dieser Grund wird von offizieller Seite mehr in den Vordergrund gerückt, um eine Gefährdung des Reisenden zu vermeiden.

Die Partei des von westlichen Medien teilweise hofierten politischen Hoffnungsträgers Imran Khan, ehemaliger Cricketspieler, pakistanischer Gutmensch und seines Zeichens Paschtune, die Pakistan Tehreek-e-Insaaf (PTI), die Partei/Bewegung für Gerechtigkeit, ist bei der Organisation dieses Marsches gegen die Drohnen federführend, um nicht zu sagen, Einzelgänger. Andere Parteien wurden von einer Planung und Teilnahme weitestgehend ausgeschlossen, die Kundgebung ist ansonsten insbesondere durch die, auch in den hiesigen Medien vielfach zitierte, amerikanische Bürgerrechts- und Friedensaktivist(inn)engruppe „Code Pink“ begleitet. Die Delegation von „Code Pink“, die sich derzeit in Pakistan aufhält besteht aus ca. 30 US-Amerikanerinnen (und einem kanadischen Staatsbürger), die in weiten Teilen die 50 weit überschritten haben (und, man möge es mir verzeihen, eher den Eindruck machten, Hausfrauen auf Sinnsuche zu sein, nachdem die eigenen Kinder flügge geworden sind), und eigenen Aussagen nach bereit sind, für ihre Sache zu sterben. (was wirklich niemand hoffen möchte)

Vor einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit, einer Vorstellung von „Code Pink“ beizuwohnen, als die Delegationsleiterin, Frau Ann Wright, ehemalige stv. Botschafterin u.a. in Afghanistan und langgediente Oberst(in) der amerikanischen Armee, die Beweggründe und Ziele ihrer Organisation vorstellte. Frau Wright, der man sicherlich eine tief verwurzelte Überzeugung unterstellen kann – sie trat u.a. in 2001 von ihren Regierungsämtern aus Protest vor der (Aussen-)Politik George W. Bushs als eine von insgesamt 3 amerikanischen Diplomaten zurück – sollte man dennoch mit Vorsicht begegnen. Während ihre Rede insbesondere bei den pakistanischen Zuhörern auf grosse Zustimmung stiess, begegnete ich, ebenso wie die meisten westlichen Zuhörern, mit denen ich sprach, dem ganzen eher mit Skepsis. Der Unterschied zwischen pakistanischen und „westlichen“ Zuhörern ist dabei aber auch recht schnell erläutert. So werden u.a. die dem Marsch zugrundeliegenden Beweggründe weitestgehend geteilt: die Politik der Drohnenangriffe auf an und für sich souveränem Gebiet ist völkerrechtstechnisch mehr als fragwürdig. Während sich die (weitestgend liberal orientierten) pakistanischen Zuhörer „freuten“, dass diese Ansicht auch von Amerikanern geteilt wird, stiessen sich die anderen Zuhörer an der Darstellungsweise, die so gar nicht nach Pakistan passt.

Die mit schrillen pinkfarbenen Buttons ausgestatteten, vielfach mit pinkfarbenen Schals, teilweise weiteren pinkfarbenen Kleidungsstücken bekleideten Demonstranten passten schon rein optisch nicht in das Bild dieser Antidrohnenkundgebung. Auch die Rede, die Frau Wright hielt, war zu 100% auf ein Publikum im mittleren Westen der Vereinigten Staaten zugeschnittenes Versatzstück linksliberaler Mobilisationspropaganda. Sicherlich geeignet, um Aufsehen zu erregen, sicherlich geeignet, um „Awarenessraising“ (in den USA) zu betreiben, war die Wortwahl im pakistanischen Kontext teilweise auch kontraproduktiv. Ob auch nur zwei der Delegationsteilnehmer sich ernsthaft mit pakistanischer Politik oder den hiesigen Hintergründen auseinandergesetzt haben, wage ich zu bezweifeln. Man sonnt sich in der Aufmerksamkeit, die einem hier zuteil wird, während die Kundgebungen in den USA weitestgehend ungehört verhallen, von einigen Hungerstreiks vor Militärbasen abgesehen. Friedensaktivismus in Pakistan als Abenteuer.

Mit US-Bashing kann man in Pakistan leicht Zustimmungspunkte ernten,  mit Reden gegen Drohnen wohl auch, für den  notwendigen Schutz wird eine solche Zustimmungsrate aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht sorgen. Der Titel des Vortrags „How US Drones affect US national security“ wurde mit der Kausalkette: Drohnen sind nicht gut, Menschen (in Pakistan) werden sauer, und mögen die USA nicht mehr, eher in einem Nebensatz behandelt. Lösungsansätze wurden nicht präsentiert, tiefgreifende Antworten oder auch nur Fragen auch nicht. Sollte den Aktivisten etwas zustossen, wäre dies für die US-Regierung eher Grund für eine Ausweitung der Drohnenangriffe, eine Bestätigung der bisherigen Politik, als ein Grund die Politik zu überdenken. Sollte den Aktivisten nichts zustossen, was wie gesagt zu hoffen bleibt, wird die zugrundeliegende „Message“ es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf die Titelseiten amerikanischer Nachrichtenmagazine schaffen. Der US-Botschafter in Islamabad wurde erreicht, er spielte die Bedeutung der Attacken im Bereich des „Collatoral Damage“ herunter, die Zahl der zivilen Opfer sei im niedrigen zweistelligen Bereich anzusiedeln. Zu viel, um nicht betroffen zu sein, zu wenig, um ernstzunehmende Schritte einzuleiten. Fakt ist: Gesicherte Zahlen gibt es zu den Drohnenangriffen nicht. Es ist weder bekannt, wie viele „Terroristen“ in den vergangenen Jahren getötet worden sind, noch wie viele zivile Opfer zu beklagen sind. Westlichen und anderen Journalisten wird die Einreise systematisch verwehrt, sämtliche der Öffentlichkeit zugänglichen Zahlen basieren auf den Aussagen von „Augenzeugen“, die sich ausserhalb der Sperrgürtels mit Pressevertretern getroffen haben. Dem Vernehmen nach handelt das US-Militär sogar mit impliziter Zustimmung der pakistanischen Behörden. Vor jedem Angriff würde ein Fax aus Washington geschickt, erfolge keine Antwort würde die Zustimmung als gegeben erachtet.

Nachdem die TTP nun nochmals ihren Geleitschutz verweigert hat und selbst das pakistanische Militär beim „Ausmarsch“ der Demonstranten aus Islamabad auffallend zurückhaltend war (im schützenden Sinne), bleibt anzunehmen, dass der Protestzug irgendwo an einem der gebirgigen Militär- oder Polizei-Checkpoints aufgehalten wird, und die Weiterreise nicht möglich sein wird. Auch für diesen Fall hat Imran Khan schon eine Exitstrategie. Er will gleich vor Ort protestieren. Dies alles wird insbesondere seiner Partei dienen, weniger einem Einhalt der Drohnen. Pakistanischen Medienberichten zufolge beteiligt sich ein Grossteil der pakistanischen Teilnehmer nicht deshalb, weil er um die Gründe des Protestmarsches wisse, sondern vielmehr aus Neugierde, und der Hoffnung, einen Blick auf Hrn. Khan erhaschen zu können. Politische Würdenträger (und alte Sporthelden) haben in diesem noch immer durch eine hohe Analphabetenquote geprägten Land und einer durch starke Personalisierung geprägten Politik immer noch grosse Anziehungskraft. Was für Code Pink dabei herausspringt bleibt fraglich. Eine punktuelle Aufmerksamkeit in einigen Medien, eine Reise in eine landschaftlich sicherlich grossartige Gegend, Geschichten für die Enkel in den USA, das Gefühl, Teil einer grossen Gemeinschaft zu sein. Dass diese grosse Gemeinschaft sie dabei sicherlich immer als Fremdkörper betrachten wird, ist dabei von nachrangiger Bedeutung.

Eine Randnote der ganzen unrühmlichen Geschichte, die wohl morgen wieder vergessen sein wird. Ernsthaft wird sich auch dann noch niemand mit Alternativen zum Drohnenkrieg befasst haben, Lösungen sind leider nicht absehbar.

Bloody Friday?

Dass hier in Pakistan in den vergangenen Tagen aufgrund der eines von einem verwirrten Individuum verfassten Videos zahllose Menschen auf die Strasse gegangen sind, ist erstaunlicherweise auch bis Deutschland vorgedrungen. Sämtliche Grossstädte des Landes wurden von einer, sicherlich auch begünstigt durch einen eigens und kurzfristig eingerichteten Feiertag, Protestwelle erfasst. Islamabad, Karachi, Lahore, Peshawar, Quetta, Rawalpindi, wer die Zeitung gelesen, kennt alle Grossstädte des Landes. Kinos brannten, Menschen starben, andere wurden verletzt, Steine flogen, Städte waren hermetisch abgeriegelt. Während ersteres insbesondere auf Peshawar zutraf, galt letzteres für die Hauptstadt Islamabad.

Botschaften mahnten ihre Bürger zur Vorsicht, schlossen am Freitag komplett. Die sogenannte „Diplomatic Enclave“, das hiesige Botschaftenviertel wurde hermetisch mit Seecontainern abgeriegelt – im Allgemeinen, um die Botschaften, im Besonderen wohl, um die amerikanische Botschaft zu schützen. Und tatsächlich begannen Freitagsmorgens, und zwar nicht erst mit den Freitagsgebeten am Mittag, verstärkt landesweite Demonstrationen an. Der Spiegel/ Hasnain Kazim berichtete ausführlich.

Sicherlich eine Ausnahmesituation. Allerdings muss man trotz des massiven Polizeieinsatzes, der Dislozierung (para-)militärischer Einheiten, der Versprühung von Tränengas und dem Gebrauch von Gummi- und Stahlmunition eines beachten: In Pakistan leben knapp 200 Millionen Menschen. Aufgrund des relativ besonnenen und geplanten Verhaltens der pakistanischen Sicherheitskräfte sind vergleichsweise wenige Menschen zu Schaden gekommen, und wieder einmal war der ohnehin von sektiererischem Verhalten gepeinigte Moloch Karachi einsamer Spitzenreiter. Nicht-pakistanische Staatsbürger – in der Mehrheit ohnehin aus beruflichen und weniger touristischen Gründen im Lande – waren aufgrund der Warnungen in ihren Häusern, Hotels, und Compounds geblieben. Niemand kam zu Schaden. Zahlreiche Autos, die vor einem der beiden international renommierten Hotels der Stadt standen, nämlich dem Serena, hatten nicht so viel Glück und wurden von Steinen getroffen. Ein grosser materieller Schaden entstand. Es taten sich in der Woche äusserst bedauerliche Zwischenfälle auf, und ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob ich mir eine solche Demonstration unbeschadet hätte anschauen können. Davon abgesehen war der Prozentsatz der gewaltbereiten Idioten wahrscheinlich ähnlich hoch, wie bei einer Demonstration in Deutschland. Auch hier in Pakistan werden verirrte Schafe in Busse geladen, und zu Protesten in die urbanen Ballungszentren gebracht, um dort Randale zu machen. Teilweise kommen sie natürlich auch freiwillig. Der Anteil der ungebildeten, für krude Ideologien anfällige, armen Menschen ist hier leider sehr viel höher als in anderen Teilen der Welt. Teilweise aufgrund der hermetischen Abriegelung einer ganzen (Haupt-)Stadt war der Anteil der Rowdies dennoch weiterhin sehr gering. Nichts kam rein, nichts ging raus, das Handynetz war den ganzen Tag gesperrt. Man sollte – dies noch am Rande – nicht den Fehler begehen, Rowdytum und Unbildung gleichzusetzen. Dies trifft allenfalls und nur gelegentlich in Form eines Massenphänomens auf.

Dass die Muslime ein Recht zur Demonstration haben, wenn ihr Prophet beleidigt wird, mag ich gar nicht bestreiten. Religion nimmt weiterhin einen sehr viel wichtigeren und zentraleren Standpunkt ein, als beispielsweise in der „westlichen Welt“. Dass solche Demonstrationen durch eine verwirrte Einzeltat angestachelt werden ist bedauerlich, viel bedauerlicher finde ich aber, dass es gewissen Elementen gelingt, eine solche Einzeltat als „Angriff des Westens“ zu brandmarken, was wiederum dazu führt, dass es zu antiwestlichen Demonstrationen kommt, wo westliche Staatsbürger sich ihrer Haut nicht mehr gänzlich sicher sein können. Und das in einem Land, welches eigentlich weltweit für seine besondere Gastfreundschaft, seine vielfältige Kultur und seine atemberaubend schönen Landschaften bekannt sein sollte.

Bemerkenswert an den Demonstrationen am vergangenen Freitag finde ich also nicht eine aussergewöhnliche Brutalität, denn diese war in meinen Augen nicht gegeben, auch nicht die Tatsache, dass so viele Menschen gleichzeitig an einem Tag auf die Strasse gehen, denn was soll man schon tun, wenn man eigens einen Feiertag zu diesem Zweck geschenkt bekommt. Nein, bedauerlich finde ich die Gleichsetzung eines schlechten, geschmacklosen Videos mit „dem Westen“. Abgesehen davon, dass es diesen gar nicht gibt, führt diese Vereinfachung sogar weiter noch zu einer allgemeinen „Verteuflung“ (vielleicht ist dieses Wort ein wenig zu stark) sämtlichen für westlich erachteten. Noch schlimmer finde ich, dass solche Vereinfachungen sogar bei der sogenannt liberalen Gesellschaft des Landes zu keimen scheinen.

Dies führt zunächst zu einer unerträglichen Situation. Ich hasse es, meinen freien Tag innerhalb der (noch nicht einmal) eigenen vier Wände verbringen zu müssen. Und das aus Angst vor den Taten einiger verirrter, die die antiwestlichen Parolen zum Anlass nehmen, antiwestlich zu werden. Denn sind wir ehrlich, richten sich solche Demonstrationen auch in Pakistan gar nicht gegen den Westen. 95% der Demonstranten haben den Film ohnehin nie gesehen. Mittlerweile kann man sagen: wie auch, Youtube ist ja gesperrt. Aber auch vorher schon war die Bekanntheit von Youtube nicht jene, die wir aus Deutschland gewöhnt sind, und wenn, dann werden da lustige Filmchen angeschaut. Vielmehr richten sie sich gegen ein nicht näher zu definierendes, allgemeines Übel. In diesem Fall hat man schon immer gerne zu Generalisierungen und Externalisierungen gegriffen. Nein, die Gründe liegen in einer ausufernden (Jugend-)Arbeitslosigkeit, damit einhergehenden Armut und tiefgreifenden Angst vor dem, was die Zukunft bringen wird und zahlreichen weiteren Begründungen. Die Religion als einiges der wenigen einigenden Elemente des qua Einwohnern sechstgrössten Staates der Erde. Insofern eignet sie sich sehr gut als Begründungsmuster für landesweite Proteste. Diese Instrumentalisierbarkeit scheinen dabei einige Menschen, die Instrumentalisierung der Religion leider nur wenige zu sehen.

Und dies wird leider von allen möglichen Seiten bedient. Von fundamentalistisch-islamistisch-radikalen Organisationen, die zweifelsohne antiwestlich sind, von einer Regierung, die gar nicht so antiwestlich ist, aber um ihre Wiederwahl bangen muss, von einer Mittelschicht, die um ihren Wohlstand bangen muss, aber an und für sich in weiten Teilen sogar ziemlich westlich ist. Sie alle sehen implizit und sicherlich gar nicht immer bewusst, in dieser Externalisierung eine Möglichkeit zur Wahrung ihres Standes und ggf. zum Ausbau ihrer Position. Die Leidtragenden sind die Hilfsorganisationen im Land, und damit die Hilfsbedürftigen in den ländlichen Bereichen, die ohne Bildung und Zukunft ebensolche aufs Spiel setzen, ohne zu merken, dass sie wieder einmal als Spielball missbraucht werden. Seien sie nun gewalttätig oder gehören sie einfach nur zu den mehr als 95% Mitläufern, die einfach nur ihrem Ärger Luft machen wollen, mehr oder weniger „friedlich“.

Es bleibt zu hoffen, dass diese gefährliche Saat nicht weiter verfängt, dass sich die Menschen auf die Schwächen ihres Systems bedenken und nicht die ausgestreckte Hand mit einem vermeintlichen Schwert des Islam abschlagen. Gewalt ist keiner der Buchreligionen, eigentlich keiner einzigen Religion inhärent. Praktisch wurde dies von den meisten Demonstranten umgesetzt, Medienberichten zufolge wurden in Islamabad etwa 185 Menschen gerichtlich wegen der Ausschreitungen belangt. Auch wenn die Dunkelziffer erheblich höher liegen mag, ist diese Zahl eine recht akkurate Hausnummer für die Zahl der tatsächlich Gewaltbereiten. Ungleich höher ist die Zahl derer, die solche Gewaltausbrüche abseits des in jeder Demokratie zu, wie gesagt, völlig berechtigten Demonstrationen, rechtfertigen. Dies ist bedauernswert und muss geändert werden.

Pandschab

Nach zwei weiteren Wochen hat sich nunmehr endlich die Gelegenheit geboten, auch privat einmal einen etwas weiteren Ausflug zu machen. Ziel dieses Mal: der nördliche Punjab. Aufgrund finanzieller Beschränkungen, ehrlich gesagt einfach für die Gaudi, mit einem Taxi. Passagiere: zwei Pakistaner und drei ausgewachsene, will sagen im Schnitt über 180cm grosse Kaukasier. Los ging es um 7.00, nein um 7.35. Pakistanis sind erstaunlich pünktliche Menschen, denkt man an die ganzen – teilweise natürlich völlig berechtigten – Geschichten, die man so über Asiaten im näheren Bekanntenkreis vernommen hat. Mit einer Ausnahme: Taxifahrer kommen irgendwie – dies ist jetzt ein persönlicher Erfahrungswert und damit empirisch wohl  nicht wirklich belastbar – grundsätzlich zu spät.

Taxis in Islamabad sind eigenartige Hybridwesen, die sich sowohl von Benzin, als auch von CNG (Erdgas) ernähren können. Image

Taxi aus Islamabad nach Flussdurchquerung

Ersterer Tank befindet sich dort, wo er bei jedem normalen Auto ist, während der zweite sich für den im Fond des Auto Sitzenden durch einen Schulterblick recht schnell offenbart. Wo coole deutsche Heranwachsende ihre Bassröhre liegen haben, liegt beim pakistanischen Taxifahrer die Gasflasche. Mit ähnlichem Effekt, im übrigen, einen Kofferraum gibt es dadurch nicht, stattdessen wird auf dem Dach des Autos ein Gepäckträger befestigt, mit dem notfalls ganze Häuser transportiert werden können. Die Zuleitung für diesen Gastank scheint irgendwie den kompletten Boden des Autos einzunehmen, beim Tanken zumindest vibriert das ganze Auto. Donnerstags und Freitags kosten die Taxen mehr, denn da gibt es aus für mich bisher nicht näher geklärten Gründen kein CNG, was, man wird es schon erraten haben, deutlich günstiger ist als Benzin. Da der Tank allerdings auch recht klein ist, haben wir auf unserer ca. 450km währenden Reise sechs Mal zum Tanken halten müssen.

Über die hervorragend ausgebaute, und aufgrund ihrer Mautpflichtigkeit (und Eingezäuntheit) auch weitestgehend menschenleere Autobahn ging es mit einer halbstündigen Verspätung zunächst in Richtung der Salzminen von Khewra. Diese wurden der Legende (?) nach von Alexander dem Grossen auf seiner Durchreise entdeckt, als eines der Pferde seines Heeres todmüde an einem Stein leckte und plötzlich wieder bei Kräften war. Die grösste und älteste Salzmine Pakistans ist gleichzeitig auch zweitgrösste Salzmine der Welt und ein beliebtes Ausflugsziel für Pakistanis wie Ausländer. Wie bei den meisten Publikumsmagneten Südasiens wird an der Kasse auch hier die Unterscheidung gemacht zwischen Pakistani Nationals und dem Rest. Ersterer zahlt 120Rupien, also ca. nen Euro, während der Rest für den Eintritt 10 Dollar blechen muss, was wiederum ca. 8 Euro gleichkommt. Lustigerweise ist der Preis für Ausländer gar nicht in der Landeswährung ausgeschildert, sondern lediglich mit dem Hinweise versehen „or equivalent“. Ist man Student, zahlt man weniger, die Bahncard 25 zählt dabei als hinreichender Nachweis der Immatrikulation an der (Bahn-) Uni. Die verkehrende Bahn, die wiederum für alle Benutzer das gleiche kostet erinnert an die Geschichten, die man in seiner Kindheit über den Wilden Westen gelesen hat. Ein Mann, der eine Stange hält sitzt auf dem ersten Wagen, der eigentlich nur ein Brett auf Rädern ist, und führt diese Stange entlang der in ca. 2,20m Höhe angebrachten Hochspannungsleitung. Je nachdem wie er sie bewegt, bewegt sich der Zug vor- oder rückwärts.

Der Tunnel ist recht schmal, wird dadurch noch schmaler, dass zahlreiche Menschen nicht den Zug nutzen, sondern zu Fuss ins Allerheiligste vordringen, nach Erzählungen meiner Kollegin, die im Hochsommer hier war, ist es bei Temperaturen um die 50°C noch schlimmer, da dort nämlich nicht nur Touristen laufen und „Züge“ fahren, sondern zudem die komplette Dorfbevölkerung erschöpft im Dunkeln herumliegt, und die ersten 150m des Tunnels mit menschlichen Leibern übersät, weil es hier so schönen Schatten, und eine „frische“ Brise gibt. Irgendwann blieb der Zug dann liegen, ein fetter Pakistani blies in seine Trillerpfeife, bedeutete allen, dass sie auszusteigen hätten, und setzte sich an die Spitze der kleinen Gruppe, um die Salzmine zu erklären.

Das besondere an der Salzmine ist, dass das Salz hier, zumindest in den Stollen, die man so als Tourist besichtigt, rot und durchscheinend ist, dementsprechend ist auch schon die ganze Strasse auf dem Weg zur Mine gesäumt von Händlern, die Salzlampen anbieten. Geschnitztes Salzgestein, in welches die in Deutschland mittlerweile nicht mehr erhältlichen und deswegen auf dem pakistanischen Markt wahrscheinlich günstig zu erwerbenden Glühlampen verbaut sind. Stückpreis für ansehnliche Exemplare: 200Rp, ca. €1,80. Aufgrund der Sperrigkeit dann für die europäischen Touristen vielleicht doch nicht gerade das beste Mitbringsel. Schade.

In der Höhle/ dem Stollen selbst gibt es dann Minarette, Moscheen, Postbüros und allerlei sonstige Gebäude, die aus dem Salzstein herausgeschitzt wurden, nicht so filigran wie die Salzkunstwerke im Bergwerk nahe Krakau, aber aufgrund der rötlichen Färbung dennoch schön anzuschauen. Unser pakistanischer Kollege konnte es nicht lassen, er fand die Höhle so schön, dass er alle fünf Minuten mal an der Wand geleckt hat, um zu eruieren, ob es sich dabei tatsächlich um Salz handelt. Mit für ihm verblüffenden Ausgang: Ja. Ein lustiges Artefakt, das ebenfalls in der Galerie vorhanden war: Eine Kanone. Ihr Zweck? Nicht etwa Taliban zu vertreiben, die gab es damals noch gar nicht, sondern vielmehr das Salz von der Decke zu schiessen. Und dann überall die versteckten Augen. Die machen einen ganz verrückt. Da zahlt man ein Vermögen für den Eintritt, und hätte sich am besten gleich noch ein paar Bänder mitgebracht, um den bösen Blick auch unterirdisch abwenden zu können.

Die Kanone

Irgendwo in dem Stollen, der sich dann doch durch, wenn ich mich recht entsinne 14 Stockwerke auszeichnet, befindet sich auch ein Sanatorium für Asthmatiker. Was ich lustig fand, war die Tatsache, dass zu diesem Sanatorium nicht wirklich eine Strasse hinführt, sondern eine staubige Piste, und dies in einer Landschaft, die man im besten Fall als Halbwüste bezeichnen könnte, mit entsprechenden Temperaturen. Auf dem Weg hinaus dann das nächste Problem, der Motor der Lock wollte nicht mehr, alles mit der Stange schütteln half nichts mehr, 15 Techniker standen ahnungslos vor dem Dinosaurier und wussten nicht was sie tun sollten, die Besucher gingen schweigend an ihnen vorbei in Richtung Freiheit, in Richtung Licht, und nach den angenehmen ca. 20° die ganzjährig im Stollen herrschen, auch wieder Richtung fieser Temperaturen. Für uns Richtung Taxi, um uns auf den Weg zu unserer nächsten Destination zu machen: den Hindutempeln von Katas Raj.

Zehn Tage

Zehn Tage sind vergangen. Zehn Tage, in denen eigentlich nicht viel passiert ist, und dann doch wieder eine ganze Menge. Mangels öffentlicher Transportmittel, bzw. meiner Unfähigkeit, diese als solche zu identifizieren (kommt noch), habe ich mich in den vergangenen Tagen insbesondere auf meine Sektoren beschränkt und bin immer innerhalb des gleichen Buchstabens unterwegs gewesen. Zu Fuss. Dies ist auch nicht weiter schlimm, ein anderer Deutscher, mit dem ich mich unterhielt, meinte, sein Sohn hätte nach der Beschreibung seines derzeitigen Lebensstils festgestellt, dass sich das anhöre wie ein Leben im Gefängnis.

Und ja, es stimmt. Zahlreiche Expats – nicht nur in Pakistan – beschränken ihren Radius auf ihr unmittelbares Umfeld und widmen sich voller Elan und 24 Stunden am Tag ihrer Arbeit. Hotel – Fahrer – Arbeit – Fahrer – Hotel – Schlafen. So sieht das Leben nicht weniger, insbesondere für kürzere Zeiträume ins Ausland entsandter deutscher Mitarbeiter aus. Der Kontakt mit der Bevölkerung tendiert dahingehend naturgemäss gegen Null. Ausserhalb gegessen wird nur in teuren (westlich(en) orientierten) Restaurants, weil man überall sonst Gefahr läuft, sich eine Lebensmittelvergiftung aufgrund mangelnder Hygienestandards einzufangen. Auch das stimmt, aber ich kann in diesem Zusammenhang auch darauf hinweisen, dass der menschliche Körper als solcher erstaunlich widerstands- und insbesondere lernfähig ist.

Wer nie etwas pakistanisches gegessen hat, wird schon fast automatisch beim ersten Genuss dieses wirklich sehr leckeren Essens irgendwelche Komplikationen erleiden, weil der Körper zahlreiche Zutaten nicht kennt. Lässt man sich dadurch nicht abhalten, und versucht es ein zweites Mal, so sind die Abwehrreaktionen schon sehr viel geringer, ab dem dritten Mal funktioniert es in den meisten Fällen. Klar, gewisse Standards wollen und müssen eingehalten werden, auch klar ist, dass dieser Prozess einer gewissen Zeit bedarf, aber: es lohnt sich. Gleiches gilt für den Transport innerhalb der Stadt: Ab und an einfach mal auf die Strasse gehen. Es ist warm. Ja. Aber man bekommt sicherlich auch ein Gefühl mehr für dieses Land.

Kann man wirklich behaupten, in einem Land gelebt zu haben, dieses voller Stolz in seinen Lebenslauf hineinschreiben, und auf die grosse Gefahr hinweisen, der man sich tagtäglich ausgesetzt hat? Sieht man einmal von den sicherlich vorhandenen Gefahren ab, wage ich dies bei oben beschriebenem Expat aufgrund seines „Zero Contact“ in Frage zu stellen. Ich möchte niemanden kritisieren. Beileibe nicht. Jeder kommt irgendwie in Kontakt mit der lokalen Kultur. Jeder geht irgendwann einmal hinaus. Jeder isst „mal“ lokales Essen. Jeder kann sich vor Ort sehr viel besser ein Bild dessen machen, was zu Leben es in einem anderen Land bedeutet. Jeder bringt Opfer, wenn er in einem anderen Land eingesetzt ist. Man kann sich das Leben aber sehr angenehm einrichten.

In Dichotomien zu denken und zu schreiben ist immer einfach. Stereotypen, Idealtypen gibt es in der Realität nicht. Was ich kritisieren möchte ist eine hundertprozentige Beschränkung auf die Expat-Community. Was ich kritisieren möchte ist die Tatsache, dass viele Expats (nicht nur diese, auch reiche Einheimische – sicherlich beeinflusst durch erstere) die 200m zum nächsten Markt nicht zu Fuss gehen, sondern mit ihrem Landrover und ihrem Fahrer. Oder, auch schon gesehen, ihren Fahrer mit dem Landrover und einem Dienstboten  schicken, um ein Buch in einem Buchladen auszusuchen und zurückzubringen. Dies widerspricht meinem Weltbild, aber ich werde in meinem Leben noch viele Dinge geraderücken müssen, davon bin ich fest überzeugt.

Es ist noch immer Ramadan, vielleicht liegt es auch daran, und ich werde schon nächste Woche obigen Abschnitt korrigieren müssen. Wenn ich auf der Strasse unterwegs bin, faste ich auch. Ich esse nichts, was nicht so schwierig ist, und ich trinke nichts, was höllisch schwierig werden kann. Da ich die Temperaturen nicht gewöhnt bin, kann ich mich nicht so sehr in das Leben hineinwerfen wie ich es vielleicht gerne tun würde. Ausflüge ins Umland muss ich stark beschränken. Wie die hiesigen Arbeitnehmer das schaffen, ist mir ein Rätsel. Bei einem klimatisierten Raum lasse ich mir noch eingehen, dass man es schaffen kann, ebenso die in meinem letzten Post erwähnten Schlaforgien cum Urlaub. Und so sieht man immer wieder Menschen, die heimlich etwas essen oder trinken. Man geht nichtsahnend durch den Wald, kommt um eine Ecke, und da sitzen zwei junge Männer, die verstohlen am essen sind. Man sieht in einer Nebengasse Menschen, die irgendwo aus ihrem Chalwar Kameez eine kleine Flasche Wasser zaubern und sich schnell einen Schluck genehmigen. Die, die es geschickter machen, spielen mit einem Wasserschlauch und trinken wie aus Zufall, tun dabei aber so, als würden sie sich nur das Gesicht vom Schweiss reinigen, während sie ein Auto putzen.

Ich habe mich mit Menschen unterhalten, und sie gefragt, wie die Temperaturen für sie sind. Die Antwort war, dass auch der Bewohner von Islamabad nicht wirklich mit ihnen zurecht kommt. Über ein hohe Hitzebeständigkeit verfügten die Bewohner des Sindh, Belutschistans Balochistans und des südlichen Pandschab Punjab. Bei einer abendlichen Iftar-Veranstaltung sah ich dann auch, wie schwer das Fasten selbst denen fällt, die im Büro sitzen. Schon eine Viertelstunde vor Ablauf des Tages hatten sich alle Anwesenden mit einem vollen Glas Wasser oder Limonade ausgestattet. Der Muezzin hatte noch keine Sekunde gesungen – was das abendliche Fastenbrechen einläutet –  und alle stürzten (!) die Gläser hinunter, es war unmöglich, in den nächsten zehn Minuten noch einmal etwas zu trinken bekommen, weil sich eine solch dichte Menschentraube um die Getränkeausgabe scharte. Und ja, hier konnte man auch sehen, wer nicht gefastet hatte. Das waren die Geduldigen, die auch noch zehn Minuten mehr Zeit hatten, bis sie anfingen zu trinken.

Der Fatima Jinnah Park (1/2)

Geregnet hat es in den letzten Tagen nicht mehr, die Temperaturen waren anhaltend hoch, während des Tages ist der Verkehr weiterhin auf ein Minimum beschränkt. Überall in den Parks, die es hier in nicht unerheblicher Anzahl gibt, sitzen und liegen dösende Menschen, die das Ende des Tages abwarten. Auch Arbeiter gönnen sich immer mal wieder eine kurze Auszeit im Schatten eines Baumes, und machen etwas, wofür eigentlich sonst eher die Japaner bekannt sind – einen „Power-Nap“. In der Nähe meiner Behausung ist ein öffentlicher Basketball-Platz, und häufig, wenn ich an diesem vorbeikomme, sehe ich dort junge Männer Basketball spielen. Zunächst habe ich mich gewundert, wieso dies immer ausschliesslich Chinesen sind, mittlerweile habe ich die Antwort: Ramadan.

Fatima Jinnah Park 2/2